Kindesmissbrauch und religiöser Eifer – 5 spannende Punkte zu «Evil Influencer»
Netflix möchte mit der Dokumentation «Evil Influencer: The Jodi Hildebrandt Story» mehr Licht in den Fall der gleichnamigen Therapeutin und ihrer Geschäftspartnerin Ruby Franke bringen. Beide Frauen wurden 2023 wegen Kindesmissbrauchs verhaftet und 2024 zu je 30 Jahren Gefängnis verurteilt.
Begonnen hat alles 2015 – nicht mit Jodi Hildebrandt, sondern mit Ruby Franke. Sie lud Videos aus ihrem Familienalltag mit sechs Kindern auf YouTube hoch. Nach aussen präsentierte sich die Familie als perfekte mormonische Vorzeigefamilie. Ihre Fangemeinde wuchs rasant, und innerhalb von fünf Jahren erreichte ihr Kanal «8 Passengers» rund 2,5 Millionen Abonnentinnen und Abonnenten. Sie waren eine der beliebtesten Familienkanäle auf der Video-Plattform.
Es waren ihre Fans, die als Erstes bemerkten, dass etwas nicht stimmte. Ab 2019 wirkten Frankes Videos zunehmend kühler. Sie kündigte an, ihren ältesten Sohn in ein Wildniscamp für schwer erziehbare Jugendliche geschickt zu haben, und in einem anderen Video sagte eines der Kinder, es dürfe nicht im Bett schlafen.
2022 stellten Ruby und ihr Ehemann Kevin das Hochladen von Videos aus ihrem Alltag komplett ein. Zudem benannte Ruby ihren Instagram-Kanal in Moms of Truth um. An dieser Stelle trat Jodi Hildebrandt in Erscheinung. Fortan war neben Ruby statt ihrer Kinder eine zweite blonde Mormonin auf dem Profil zu sehen – Jodi Hildebrandt war nicht nur Rubys Therapeutin, sondern nun auch ihre Geschäftspartnerin.
Im Sommer 2023 wurden Rubys zwei jüngste Kinder – damals neun und zwölf Jahre alt – Hunderte Kilometer von ihrem Zuhause entfernt im Haus von Hildebrandt gefunden. Sie waren verletzt und stark abgemagert. Die Ermittlungen ergaben, dass sie Opfer schwerer Misshandlungen durch Ruby Franke und Jodi Hildebrandt geworden waren.
Die Dokumentation erzählt, was nicht nur Franke, sondern auch die lizenzierte Therapeutin Hildebrandt den Kindern angetan hat.
Obwohl wir in diesem Artikel nicht auf die Details eingehen, solltest du, wenn du dieses Thema nicht verträgst, trotzdem nicht weiterlesen.
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Hildebrandt wollte Beweise verstecken
Aufgeflogen ist der Fall, als Frankes jüngster Sohn bei einer Nachbarin klingelte und um Hilfe bat. Nachdem dieser den verletzten Jungen gesehen hatte, alarmierte er die Polizei. Zu diesem Zeitpunkt lebten Franke und ihre beiden jüngsten Kinder im Haus von Hildebrandt.
Hildebrandt traf draussen auf die Einsatzkräfte und fragte, ob sie einen kleinen Jungen gesehen hätten – offenbar war sie auf der Suche nach ihm. «Ich glaube, dass Jodi zurück ins Haus gegangen ist, nachdem sie die Polizisten gesehen hatte», sagt Ermittlerin Jessica Bate. «Sie nahm das Seil und die Handschellen, die der Junge zuvor selbst entfernt hatte, brachte sie in den Sicherheitsraum, legte sie in die unterste Schublade und schloss die Safetür. Ich bin überzeugt, dass sie das tat, weil sie wusste, dass es sich um eindeutige Beweise für ihre Beteiligung handelte.»
Nachdem die Polizei mit dem Jungen gesprochen hatte, führten die Einsatzkräfte im Haus von Hildebrandt eine Sicherheitskontrolle durch. Dabei fanden sie die verängstigte jüngere Schwester des Jungen. Die beiden anderen minderjährigen Kinder von Franke wurden im Haus von Familienfreunden gefunden.
Innerhalb weniger Stunden nach der Flucht des Jungen erhielt die Polizei einen Durchsuchungsbefehl, um Hildebrandts Haus nach Beweisen zu durchsuchen. Dabei stiessen die Ermittler auf physische Hinweise auf den Missbrauch, darunter Seile, Handschellen sowie Verbände, die mit Cayennepfeffer und Honig präpariert waren.
Eigene religiöse Ansichten als Rechtfertigung
Jodi Hildebrandt gehörte der Kirche der Mormonen an, offiziell The Church of Jesus Christ of Latter-day Saints – der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (HLT). Jahre bevor sich Hildebrandt mit der Familie Franke zusammentat, gründete sie 2007 das Paarberatungsunternehmen ConneXions. Die inzwischen aufgelöste Organisation richtete sich gezielt an Ehepaare und deren Familien, die Mitglieder der HLT-Kirche waren.
Hildebrandt nutzte die Lehren der Kirche, um ihre strengen Therapieanweisungen zu rechtfertigen. «Jodi war gut darin, Menschen in schwierigen Lebenslagen in einen religiösen Kontext einzuordnen und sie dann zu Handlungen zu drängen, die eine reguläre Therapeutin niemals vorgenommen hätte», sagt Eric Clarke, Staatsanwalt von Washington County, in «Evil Influencer».
Mehrere ihrer ehemaligen Patienten sagten aus, dass Hildebrandt ihre Ehe zerstört hätte. Therapien und psychologische Beratungen sind vielen Anhängern der HLT-Kirche fremd. «Wenn Jodi dann mit diesen Bildern und Videos kommt und beginnt, diese Idee eines ehrlichen, verantwortungsbewussten und demütigen Lebens zu vermitteln, das den Menschen hilft, in Wahrheit zu leben und wie Christus zu sein, fühlt sich das wie eine bahnbrechende Neuerung an», sagte Prete, der mit seiner Frau zu Hildebrandt in die Therapie ist.
Die Familien- und Ehetherapeutin Natasha Helfer erklärt in der Doku, Hildebrandt habe «in einem Bereich der psychischen Gesundheit, der stark mit den Lehren der Kirche übereinstimmte, grossen Erfolg gehabt». Sie habe sich dabei insbesondere auf die Themen Sucht und Sexualität konzentriert – Bereiche, die in der mormonischen Kirche, äusserst konservativ behandelt werden.
Ein anderer ehemaliger Klient namens Jackson erzählt, dass Hildebrandt ihren Mann mit einer «Sexsucht» diagnostizierte. Sie brachte ihr bei, wie sie ihren Mann «kontrollieren» könne, indem sie ihm sein Handy, seinen Internetzugang und seine Streaming-Dienste wegnahm. Jackson behauptete, dass Hildebrandt eine «Autoritätsperson» in ihrem Leben war, und behauptete, sie habe «als Sprachrohr Gottes fungiert».
Obwohl ihr Bauchgefühl ihr sagte, dass Hildebrandt ihr und ihrem Mann unrecht tat, folgte Jackson dem Rat ihrer Therapeutin. «Jodi hat definitiv massgeblich dazu beigetragen, meine Ehe zu ruinieren. Innerhalb eines Jahres waren wir geschieden», so Jackson in der Doku.
50'000 Dollar Lohn im Monat
Hildebrandt bot Einzeltherapien für Paare und Familien an sowie Gruppenkurse, Paar-Workshops, einwöchige Retreats und weitere Online-Angebote, die ihr ein monatliches Einkommen von mehreren Zehntausend Dollar einbrachten.
Ihr ehemaliger Patient Ethan Prete, der Hildebrandt wegen Eheberatung aufsuchte, schätzte, dass er monatlich rund 2'000 Dollar für ihre Dienste ausgab. Später stellten die Ermittler Hildebrandts Geschäftsbücher sicher. Daraus ging hervor, dass sie sich monatlich mit rund 46 Patienten traf. Auf dieser Basis schätzten die Ermittler ihr Einkommen auf etwa 46'000 Dollar pro Monat – und das, obwohl ihre Lizenz zwischenzeitlich suspendiert worden war. Davon liess sich Hildebrandt jedoch nicht aufhalten. Sie arbeitete weiterhin als Life-Coach.
Eine weitere ehemalige Kundin erinnert sich in der Doku daran, dass sie «jeden Monat mehr als ihre Hypothek an Jodi bezahlt» habe. «Wir hatten derart hohe Schulden, dass wir alle unsere Kreditkarten ausgeschöpft hatten. Insgesamt zahlten wir ihr weit über 50'000 Dollar.»
Bei der Hausdurchsuchung stellte die Polizei einen Sack mit 80'000 Dollar in bar sicher.
Hildebrandt wollte die Kinder in der Wüste isolieren
Inmitten der Misshandlungen entschieden Franke und Hildebrandt, mit den Kindern in die Wüste Arizonas zu ziehen, um sie noch stärker zu isolieren. Das geht aus Tagebüchern hervor, die die Ermittler sicherstellten. Laut diesen habe Hildebrandt in einem abgelegenen Gebiet Arizonas mehrere Hektaren Land gekauft. Zudem erwarb sie zwei Traktoren, die die Kinder angeblich für Arbeiten einsetzen sollten.
In der Dokumentation liest Bate aus Frankes Tagebuch vor, in dem sie angeblich darüber schrieb, dass «die Eskalation der Kinder hier nicht zu bewältigen ist». «Das Mädchen werde ich in das kühle Haus bringen, und sie kann in der Speisekammer sitzen», liest Bate vor. «Sie werden denken, sie hätten gewonnen. Sie werden denken, sie hätten bekommen, was sie wollten. Sie werden sich entspannen, und dann – peng! Wir werden sie fallen lassen wie heisse Kartoffeln in der Wüste.»
Hildebrandt beharrt auf ihrer Unschuld
Im Februar 2024 wurden Franke und Hildebrandt jeweils zu 30 Jahren Haft verurteilt – die Höchststrafe für ihre Vergehen. Sie sitzen seit gut zwei Jahren im Gefängnis, Hildebrandt beteuert aber weiterhin ihre Unschuld. In der Doku ist ein Ausschnitt von einem Telefongespräch mit ihr zu sehen, in dem sie sagt: «Der Herr sagt: ‹Zuerst werden sie euch in die Hände fallen und euch verfolgen, euch der Synagoge und dem Gefängnis ausliefern›. Dann sagt er: ‹Und ihr werdet von euren Eltern, Brüdern, Verwandten und Freunden verraten werden.› Ich denke mir: ‹Oh mein Gott, genau das passiert gerade.›»
In einem weiteren Telefonat wurde Hildebrandt emotional und erklärte: «Ich sollte nicht hier sein. Ich habe nichts Unrechtes getan. Wir haben das nicht getan. Diese Bilder – das waren nicht wir. Das hat er sich selbst angetan.» Zudem behauptete Hildebrandt, man habe ihr «eine Falle gestellt, damit sie im Gefängnis landet».
Sie geht allerdings nicht darauf ein, wer ihr diese Falle gestellt haben soll – oder aus welchem Grund.
«Evil Influencer: The Jodi Hildebrandt Story» ist auf Netflix verfügbar und dauert rund eineinhalb Stunden.
